Der Weg zeigt sich beim Gehen – warum Kirche Menschen braucht, die aufbrechen
Der Weg zeigt sich beim Gehen – warum Kirche Menschen braucht, die aufbrechen
VON Carina Daum
An einer Kirche vorbeizugehen ist heute leicht. Für viele gehört sie zur Landschaft, aber nicht mehr zum eigenen Leben. Gleichzeitig ist die Sehnsucht nach Spiritualität nicht verschwunden: Menschen pilgern, meditieren, suchen Stille oder beschäftigen sich mit Sinnfragen.
Eine Studie aus England und Wales deutet sogar darauf hin, dass das Interesse an Glauben und Kirche wieder zunimmt, besonders bei jungen Erwachsenen1 . Warum finden dennoch wenige Menschen den Weg in die Kirche? Oft liegt es an einer unsichtbaren Grenze: Sprache, Rituale und religiöse Begriffe wirken fremd. Ein Gottesdienst fühlt sich an wie die Ankunft in einem Land, dessen Sprache man nicht spricht. Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb nicht zuerst, wie Menschen zur Kirche finden, sondern ob Kirche den Mut hat, auf Menschen zuzugehen. Schon Jesus begegnete Menschen am See, bei der Arbeit, in Krankheit und auf Festen. Glaube begann unterwegs und mitten im Leben. Die Fresh-X-Journey beschreibt genau diese Bewegung: Kirche beginnt nicht mit einem fertigen Konzept, sondern mit einer Haltung des Aufbruchs und der Begegnung2 . Menschen auf diesem Weg nennen wir Pionier:innen. Sie spüren eine heilige Unruhe, begegnen Menschen in ihrem Lebensumfeld und entdecken Schritt für Schritt, wo Gott bereits wirkt. Volkers Lebensgeschichte erzählt von einer solchen Reise – mit Umwegen und überraschenden Wendungen.
„Kirche beginnt nicht mit einem fertigen Konzept, sondern mit einer Haltung des Aufbruchs und der Begegnung.“
Hören – aufmerksam werden für Menschen und für Gottes Wirken
Eine Pionierreise beginnt oft mit dem Hinhören – mit einer Unruhe oder dem Eindruck: Da könnte ein anderer Weg vor mir liegen. Pionier:innen werden aufmerksam für Gottes Wirken, für Menschen und für die Möglichkeiten, die sich zeigen. Dahinter steht der theologische Gedanke der Missio Dei: Nicht die Kirche beginnt Gottes Mission in der Welt. Gott selbst ist bereits unterwegs3 . Kirche darf entdecken, wo Gott wirkt – im eigenen Leben und in den Geschichten der Menschen.
„Mein Leben in einem Satz: Hmmm, so war das nicht geplant …“ Diesen Satz schickte mir ein Freund von seinen Einkehrtagen. Er passt gut zu meinem Leben. Schon während meiner Schulzeit war vorgesehen, dass ich als Sohn eines Unternehmers Betriebswirtschaft studiere und später in die Firma einsteige. Eine längere Krankheit vor dem Abitur führte jedoch dazu, dass ich viel las: Biografien, Romane und die Bibel. Dabei wuchs der Eindruck, dass eine andere Aufgabe auf mich wartete. Ich wollte nach Indonesien gehen und an einer Bibelschule arbeiten. Voraussetzung für das Visum war ein staatlich anerkannter Universitätsabschluss. Damit war klar: Ich würde Theologie statt Betriebswirtschaft studieren – und meinen Vater enttäuschen. Rückblickend habe ich dabei gelernt, aufmerksam hinzuhören und darauf zu vertrauen, dass Gott auch auf ungeplanten Wegen wirkt. Volkers Entscheidung für das Ungewisse zeigt: Pionier:innen sind oft bereit, vertraute Wege zu verlassen. Sie brauchen keine perfekte Landkarte, sondern trauen sich aufmerksam zu hören und den nächsten Schritt zu gehen.
Hören bleibt nicht folgenlos
Hören bedeutet für Pionier:innen nicht nur, auf Gottes Wirken im eigenen Leben zu achten, sondern auch aufmerksam für die Menschen und ihren Lebensraum zu werden. Sie kommen nicht als Expert:innen mit fertigen Antworten, sondern als Gäste und Lernende. Ihre erste Frage lautet nicht: „Was können wir anbieten?“, sondern: „Was brauchen die Menschen hier und was können wir Gutes tun?“ Vielleicht fehlt Gemeinschaft gegen Einsamkeit, Unterstützung für Familien oder ein Ort, an dem junge Erwachsene einfach sein dürfen. Aus aufmerksamem Zuhören wächst der Wunsch, gemeinsam etwas Gutes entstehen zu lassen. Aus Begegnungen entstehen Beziehungen. Menschen teilen ihren Alltag, feiern miteinander und tragen Krisen gemeinsam. Eine Bewegung von Menschen, die ganz selbstverständlich miteinander unterwegs sind und gemeinsam etwas wachsen zu lassen, das zu ihrem Lebensraum passt.
„Glaube entsteht weniger durch fertige Antworten als durch gemeinsames Fragen, Suchen und Entdecken.“
Während meines Studiums ging ich für ein Jahr nach Australien, um mein Englisch zu verbessern. Auf dem Rückflug besuchte ich Indonesien und kehrte voller Leidenschaft für dieses Land zurück. Doch während meiner Abwesenheit war bei Ulli, der Frau, die ich schon lange liebte, Morbus Crohn diagnostiziert worden. Die Erkrankung stellte meine Pläne infrage. Ich musste neu hören, welcher Weg jetzt dran war, und entschied mich für Ulli – gerade haben wir unseren 36. Hochzeitstag gefeiert.
Nach Studium und Vikariat suchten wir als Ehepaar nach einer Möglichkeit, gemeinsam etwas zu gestalten. Im klassischen kirchlichen Rahmen war das nicht möglich, im CVJM schon. So bauten wir ab 1993 ein Jugendzentrum in Frankfurt (Oder) auf. Dort wurde für mich sichtbar, was Pioniersein bedeutet: mit den Menschen zu leben und gemeinsam herauszufinden, was sie brauchen.
Nach sieben Jahren wurde ich für die Leitung der AG der CVJM Deutschlands angefragt. Obwohl ich mich zu jung und unerfahren fühlte, führten uns Gespräche und eine klare innere Überzeugung nach Kassel. Eine Eigenschaft half mir dabei besonders: „Einfach mal machen!“ Das brachte vieles in Bewegung, aber ich machte auch Fehler und verletzte Menschen. Auch das gehört zum Pioniersein: Neues wächst nicht, weil Leitende alle Antworten haben, sondern wo Menschen gemeinsam hören, ausprobieren und lernen.
Kirche wächst aus dem Kontext
Wenn Menschen ihr Leben teilen, wollen sie wissen was einander trägt und so wachsen Fragen nach Gott oft von selbst. Sie erzählen von Hoffnung, Scheitern und Neuanfang. Glaube entsteht weniger durch fertige Antworten als durch gemeinsames Fragen, Suchen und Entdecken. Dort zeigt sich erneut die Missio Dei: Gott hinterlässt Spuren in den Menschen, lange bevor Kirche am Werk ist. Pionier:innen bringen Gott deshalb nicht an einen Ort, an dem er „fehlt“. Sie vertrauen darauf, dass Gott bereits da ist, und entdecken gemeinsam mit Menschen, wo seine Spuren sichtbar werden.
Wenn Menschen miteinander unterwegs sind, Beziehungen wachsen und Glaube entdeckt wird, entsteht daraus oft ganz natürlich der Wunsch, diesen Weg gemeinsam weiterzugehen. So kann Gemeinde wachsen – nicht als fertiges Konzept, sondern aus den Fragen der Menschen und den Besonderheiten eines Lebensraums. Eine Gemeinschaft in einem Surfclub sieht anders aus als eine in einem Nachbarschaftsgarten. Junge Familien brauchen andere Formen als Menschen in einer ländlichen Region. Pionier:innen helfen, solche Räume entstehen zu lassen, indem sie Lernende und Entdeckende bleiben.
Ungeplante Wege, neue Türen und neue Aufgaben
Nach einer Sabbatzeit begann ich eine Fortbildung und entdeckte, dass sich die Leistungspunkte auf eine Promotion anrechnen ließen. Da ich nicht sofort eine passende Stelle fand, ließ ich mich auch auf dieses Abenteuer ein. Später konnte ich am Projekt Philippus Leipzig mitwirken. Gemeinsam mit einem Kollegen entwickelte ich ein ehemaliges Pfarrhaus zu einem Inklusionshotel und die zwölf Jahre leer stehende Kirche zu einem kulturellen und spirituellen Ort. Mit Ehrenamtlichen entdeckten wir, welche neue Bedeutung dieser Ort gewinnen konnte. Der ursprünglich für mich vorgesehene Geschäftsführerposten wurde jedoch anderweitig besetzt. Auch Scheitern gehört zum Pionierweg. Nicht jede Idee wird Wirklichkeit und nicht jede Tür öffnet sich. Doch wieder entstand etwas Neues: Als Projektmanager bei der Stiftung WERTESTARTER durfte ich innovative Persönlichkeiten bei der Umsetzung ihrer Ideen begleiten. Nach vielen ungeplanten Stationen zogen wir als Ehepaar nach Karlsruhe zurück. Ab Herbst darf ich in der Weiterbildung für Pionier:innen der Evangelischen Hochschule Hessen Menschen mit Pioniergeist begleiten.
Gut ausgerüstet für unbekannte Wege
Auch das gehört zur Fresh-X-Journey: Pionier:innen bewegen sich nicht auf sicheren Wegen. Sie probieren aus, reflektieren und lernen. Eine Kirche, die neue Wege gehen möchte, braucht deshalb eine Kultur, in der Experimente möglich sind. Volkers Geschichte zeigt, welche Ausrüstung dabei hilft: Da ist zunächst der Mantel – eine Haltung, die trägt. Volker war bereit, hinzuhören, Neues zu wagen und in Veränderungen offen zu bleiben. Er musste nicht den ganzen Weg kennen, sondern nur den nächsten Schritt. Dazu gehört die Lupe: genau hinzusehen, was Menschen und Orte brauchen. Das Jugendzentrum an der polnischen Grenze entstand nicht aus einem fertigen Konzept, sondern aus der Frage: Was braucht dieser Ort? Die Landkarte entsteht unterwegs. Volkers Weg führte über ungeplante Stationen. Erst im Rückblick wurde sichtbar, wie sich die einzelnen Schritte verbunden haben. Und schließlich braucht es einen Kompass: die eigene Spiritualität und das Vertrauen, dass Gott auch auf unbekannten Wegen zu entdecken ist. Pionier:innen haben nicht alle Antworten im Gepäck. Sie bleiben Suchende und Lernende. Vielleicht beginnt genau hier die Zukunft von Kirche: nicht dort, wo wir fertige Antworten haben, sondern dort, wo Menschen den Mut finden aufzubrechen und sich überraschen zu lassen, was Gott unterwegs entstehen lässt.
Weiterbildung für Pionier:innen
Steckt auch in dir vielleicht die Sehnsucht, Menschen außerhalb vertrauter Kirchenräume zu begegnen und gemeinsam mit anderen neue Formen von Kirche auszuprobieren? Die Weiterbildung für Pionier:innen begleitet Menschen auf diesem Weg. Sie hilft, die eigene Haltung zu reflektieren, die Spiritualität zu vertiefen und praktische Werkzeuge zu entwickeln. In vier Präsenzwochen verteilt auf ein Jahr, begleitet durch Coaching, eine Lerngemeinschaft und ein eigenes Praxisprojekt, kann wachsen, was bereits in Pionier:innen angelegt ist: ein offener Blick für Menschen, Mut zum Experimentieren, die Bereitschaft zuzuhören und das Vertrauen, dass Gott längst unterwegs ist.
Weitere Informationen und Anmeldung: www.eh-hessen.de/pionier
Carina Daum und Volker Klein (ab Herbst 2026) arbeiten an der Ev. Hochschule Hessen für die Weiterbildung für Pionier. Gemeinsam freuen sie sich darauf, weitere Pionier:innen kennenzulernen und neue Wege zu gehen.
1. Rhiannon McAleer & Rob Barward-Symmons: The Quiet Revival, Swindon 2025.
2. Reinhold Krebs & Daniel Rempe: FreshX, Der Guide. Witten, 2017, S. 6-21.
3. Andreas C. Jansson: Evangelisation in den gegenwärtigen Missionswissenschaften, in: Michaela Herbst, Andreas C. Jansson, David Reißmann, Patrick Todjeras: Evangelisation, Theologische Grundlagen, Zugänge und Perspektiven, Leipzig 2024, S. 217–224.
Titelfoto: pexels
Ein Beitrag von
Carina Daum arbeitet an der Ev. Hochschule Hessen für die Weiterbildung für Pioniere. Jedes Jahr im Herbst startet ein neuer Jahrgang. Weitere Informationen und Anmeldung: www.eh-hessen.de/pionier
Volker Klein arbeitet zusammen mit Carina Daum seit Herbst 2026 an der Ev. Hochschule Hessen für die Weiterbildung für Pioniere. Gemeinsam freuen sie sich darauf, weitere Pionier:innen kennenzulernen und neue Wege zu gehen.

Die gute Seilschaft: hak’ Dich ein!
Dir gefällt BASECAMP?
Dann werde Teil unserer Community!
3E ist Basecamp zum Anfassen
Du hättest eines der Dossiers gerne im Printformat, du willst einen Stoß Magazine zum Auslegen in der Kirche oder zum Gespräch mit dem Kirchenvorstand? Dann bestell dir die entsprechenden Exemplare zum günstigen Mengenpreis!


