Der biblische Code ins Abenteuer

Der biblische Code ins Abenteuer

VON Tanja Kasischke

Veröffentlicht am: 26. Oktober 20265,8 min Lesezeit1134 WörterKategorien: Alle, Ausprobieren, AusrüstungSchlagwörter: , , , , , , , , Aufrufe: 44

Mit „Worten, die unter die Haut gehen“, zeigt die gleichnamige Ausstellung, wie Menschen biblische Verse (er-)leben, die sie gelesen oder zugesprochen bekommen haben: als Tattoos.

Vor acht Jahren ließ sich Tabea Schönfelder in Dresden einen Baum auf ihren Oberarm stechen. Der Schriftzug unter seinen Wurzeln ist Griechisch. Der Tätowierer, der seinerzeit das Bild ausführt, kann kein Griechisch. Er fragt nach, was er sticht. „Die Frage bekomme ich öfter gestellt: Was steht denn da?“, verrät Tabea. Ihr Tattoo sei ein guter Gesprächsanlass. Der Text ist ein Bibelvers aus dem zweiten Korintherbrief des Apostels Paulus, 5,17: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen; siehe, es ist alles neu geworden.“ Es ist Tabeas Taufspruch.

Zeugnisse, die unter die Haut gehen

„Im Griechischen ist der Vers kürzer und sieht schöner aus“, begründet sie die Wahl der Sprache. Der Tätowierer teilt ihre Meinung. Biblischer Talk während die Tätowiermaschine surrt. Tattoos sind als Körperschmuck und Statement etabliert. Was mitschwingt, ohne dass sich die Botschaft aufdrängt, ist: Manche Tattoos sind zugleich biblische Codes ins Abenteuer des Lebens, öfter als gedacht. Sie erzählen von bedeutsamen Momenten, leichten und schweren. Hinter Tabeas Baum steigen fünf kleine Vögel auf und fliegen über ihren Rücken davon. Drei von ihnen sind in Farbe gestochen, zwei sind schwarz. „Ich darf drei meiner fünf Kinder ins Leben begleiten“, sagt sie. Es ist ein starkes Zeugnis.


Bild rechts: Tabea Schönfelder ließ sich neben 2. Korinther 5,17 einen Baum tätowieren. Fünf kleine Vögel fliegen über ihren Rücken davon. Drei von ihnen sind in Farbe gestochen, zwei sind schwarz. „Ich darf drei meiner fünf Kinder ins Leben begleiten“, sagt sie.


Für christliche Symbole wie Kreuz, Taube oder Engelsflügel als Tattoos entscheiden sich auch viele Menschen ohne kirchlichen Bezug. „Die sind nicht weniger interessiert, wenn ich die Verbindung zwischen meinem Tattoo und meinem Taufspruch erkläre“, hat Tabea Schönfelder erlebt. Sie arbeitet als Sozialpädagogin und Theologin in der Evangelischen Landeskirche in Sachsen, in der Gemeinde Großrückerswalde im Erzgebirge. Ihre Geschichte ist eine im Story Walk der Ausstellung „Worte, die unter die Haut gehen“. Auf sechs LED-Stelen sind die Tattoos großformatig abgebildet. Per QR-Code lässt sich ein Video ansteuern, in dem die Trägerin oder der Träger des jeweiligen Tattoos auf seine Geschichte eingeht. Alles Material ist mobil, so kann Ausstellung an wechselnden Orten gezeigt werden. Umgesetzt und finanziert haben sie die Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste und Midi, die evangelische Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung.

Von der Bibel zum Tattoo

Björn Büchert, midi-Referent für innovative Bibeldidaktik, lieferte die Idee: „Die Ergebnisse der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung haben mir vor Augen geführt, dass immer weniger Menschen in der Bibel lesen. Gleichzeitig nehme ich wahr, dass es immer mehr Menschen gibt, die tätowiert sind, und dass es auch Tattoos gibt, die von einem Text aus der Bibel inspiriert wurden.“

„Die Ergebnisse der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung haben mir vor Augen geführt, dass immer weniger Menschen in der Bibel lesen. Gleichzeitig nehme ich wahr, dass es immer mehr Menschen gibt, die tätowiert sind, und dass es auch Tattoos gibt, die von einem Text aus der Bibel inspiriert wurden.“

Ein (Ausstellungs-)Motiv ist das von Nicola Nitz, Diakonin in der Evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern. Ihr Tattoo zeigt ein stilisiertes Gesicht. Es ist nicht ebenmäßig. Es hat optische Brüche, ganz menschlich, nicht perfekt. Zwei Gesichter, die vielleicht derselben Person gehören aber unterschiedliche Wesenszüge zeigen, oder die eigene und die Fremdwahrnehmung abbilden. Das Tattoo sieht Nicola zuerst im Feed ihrer Tätowiererin aus Nürnberg. „Es war ein so genanntes Wannado, ein Bild, das sie gezeichnet hatte, umsetzen wollte und dafür einen Freiwilligen oder eine Freiwillige gesucht hat.“ Sie meldet sich. „Ich erinnere mich genau an den Moment, als ich das Motiv sah und dachte: Das ist die Geschichte, die Gott mit mir hat. Ich glaube, dass in jedem Menschen von Anfang an so ein göttlicher Glanz liegt. Davon erzählt die Bibel auf den ersten paar Seiten, von diesen Spuren Gottes im Menschsein. Dort lese ich „Gott schuf den Menschen nach seinem Bild. Als Gottes Ebenbild schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie.“ Dieses Ebenbild entdecke sie in bei anderen, „bei mir selbst aber bin ich so betriebsblind und kann diese Schönheit nicht sehen. Da glänzt oft kaum etwas. Da sehe ich die müden Augen und die Spuren, die mancher Selbstzweifel auf der Haut hinterlassen hat.“ Den Entschluss, bei „Worte, die unter die Haut gehen“, mitzumachen, fasste sie, „weil ich den Gedanken schön fand, einmal so über mich nachzudenken. Meinen Oberarm mit dem Tattoo sehe ich ja sonst nur im Spiegel.“

Wenn die Haut Gottesgeschichte erzählt

50 Menschen mit biblischen Tattoos meldeten sich 2025 bei MIDI und waren bereit, ihre Stories zu teilen. Wie sich herausstellte, waren einige Bibelverse mehrfach tätowiert und in verschiedenen Stilen. Björn Büchert traf gemeinsam mit seiner Kollegin Svenja Neumann die Auswahl. Jonas Kessler, Krankenpfleger in einer diakonischen Einrichtung in Berlin, gehört eine weitere Stimme der Ausstellung. Auf seinem Rücken sind die sieben Werke der Barmherzigkeit tätowiert, die ihm und den Menschen, für die er da ist vor Augen führen, warum er macht, was er macht. Klingt wie im Song „Tausend Tattoos“ von Jonas’ Berliner Landsmann Sido: „Alles voll und auch du hast ’n Platz, damit ich nicht vergess‘, für wen ich’s mach“, rappt dieser. Die Nummer ist in der Playlist von Björn Bücherts Kindern, und – zufällig? – hörte er das Stück, als die Idee des Story Walks konkret wurde. Seit September ist die Ausstellung zur Ausleihe verfügbar. Nicola Nitz’ Kolleginnen und Kollegen in Nürnberg sind gespannt. „Ich habe hohes Wohlwollen erfahren, nachdem heraus war, dass ich mich beteiligt habe.“ Mit der Geschichte, die Gott mit ihr hat. Die Bibel, findet sie, sei genau das, „ein Aufruf, Mut vorauszuwerfen. Der Rest folgt dann.“

Fotos: Tanja Kasischke, Titelbild: pexels

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