„In God we trust“
„In God we trust“
VON Tanja Kasischke
Mannheim-Franklin prägten sieben Jahrzehnte lang die US-Streitkräfte, nach dem Abzug der Amerikaner erfindet sich das Viertel neu – „Kirche auf Franklin“ ist Teil davon.
Der Parkplatz vor der Sports Arena hat sich sekundenschnell geleert. „Don’t blink“, heißt das auf Englisch, nicht blinzeln, sonst hat man den Moment verpasst. Rebecca Kehrberger tippt auf das schwarz gewordene Display ihres Smartphones. Es blinkt und das Foto der vielen Menschen erscheint wieder. Dicht an dicht standen im Dezember 450 Besucherinnen und Besucher des Weihnachts-Gottesdienstes auf Franklin. Sie feierten die Geburt Jesu unter freiem Himmel. „Wir laden ein, auf Plätze und in Räume“, erzählt die CVJM-Kirchenpionierin. Rebecca hat „Kirche auf Franklin“ auf den Weg gebracht. In einem Viertel Mannheims, das sich neu erfindet.
Jesus Geburtstags-Party unter freiem Himmel
Die Evangelische Landeskirche Baden hat das Vorhaben 2025 mit dem Innovationspreis ausgezeichnet. Franklin ist Mannheims Stadtentwicklungs-Hub. Bis 2012 kam man nur mit gültigem Reisepass ins Viertel, die Zufahrtsstraße war zugleich Grenze. Franklin wurde sieben Jahrzehnte lang von US-Streitkräften verwaltet und bewohnt. Obwohl das Hauptquartier der Amerikaner im benachbarten Heidelberg lag, waren die meisten Soldaten und ihre Familien in Mannheim beheimatet. Franklin etablierte sich als autarke Siedlung des Kalten Krieges im Nordosten der baden-württembergischen Stadt. Eine halbe Million US-Bürgerinnen und Bürger, drei Generationen, lebte von 1945 bis zum Abzug der Truppen 2011 auf Franklin. Im Jahr darauf wurde das Gelände kommunal übertragen.
„Kein Raum, keine Erwartung daran. Kirche ist nicht Ausdruck des Ortes, sondern dieser Ort ist Ausdruck von Kirche.“
Rebecca Kehrberger zog 2019 mit Mann und Tochter von Wuppertal nach Baden. „Die einzige Wohnung, die wir fanden, war eine auf Franklin“, erzählt sie. Damals seien es 700 Menschen im Viertel gewesen. Inzwischen wohnten 8000 (Wahl-)Mannheimerinnen und Mannheimer dort, 30 Prozent davon Kinder. Deshalb nimmt Kirche auf Franklin verstärkt Familien in den Fokus. „Die Entscheidung für unser Profil tat auch weh. Sie bedeutete, dass wir andere Angebote weglassen. Aber sobald Kirche alle erreichen will, erreicht sie keinen“, begründet die CVJM-Pionierin. Die personellen Kapazitäten des Teams sind begrenzt. Rebecca Kehrberger ist die einzige CVJM-Hauptamtliche. Mit ihr sind 30 Ehrenamtliche wechselnd im Einsatz, etwa für den „Lauf- und Schiebetreff“ mit den Kleinsten, die christliche Kindergruppe, Familiengottesdienste, den Kinderchor. Unterstützung kommt aus den Ortsgemeinden, der katholischen Pfarrei St. Sebastian und der evangelischen Pfarrgemeinde Mannheim-Ost. Die ökumenische Zusammenarbeit mit dem CVJM ist bundesweit einmalig. Sie ermöglicht, dass die Gemeinschaft von Kirche auf Franklin fluide bleiben darf. Wer die Abwechslung eines Kirchendachs braucht, wird fünf Fahrradminuten entfernt fündig.

Rebecca Kehrberger auf dem großen Parkplatz vor der Sports Arena, der wenige Monate zuvor, zum Weihnachtsgottesdienst von „Kirche auf Franklin“, voller Menschen war. Ein Bild auf dem Handydisplay zeigt die Szene.

Aussicht ins Viertel Franklin, Mannheims Stadtentwicklungs-HUB. Vier der Neubauten sollen in wenigen Jahren den Schriftzug HOME bilden. H und O stehen schon.
Was hast du hier vor, Gott?
Ist Kirche auf Franklin nicht unter freiem Himmel unterwegs, öffnet sie einen Raum im Gebäude der Grundschule, einst erbaut für die Kinder der US-Streitkräfte. Wo Gebäude der US-Armee erhalten werden konnten, blieben sie stehen, wurden oder werden saniert: die Offiziershäuser, ebenso dreigeschossige Mehrfamilienhäuser und die Sports Arena. Die ehemalige Panzerhalle harrt, noch im Dornröschenschlaf, ihrer Nachnutzung, umgeben von emporwachsenden Neubauten. Ebenfalls hinter Absperrzäunen schlummert die kleine Benjamin-Franklin-Kirche, benannt nach dem US-Gründervater, dem auch der Name des ganzen Viertels gilt. „In unserer ersten Wohnung auf Franklin konnte ich aus dem Fenster die Kirche sehen und habe mich gefragt: Was hast du hier vor, Gott?“, erinnert sich Rebecca Kehrberger. Dass sie Teil der Antwort sein würde, ahnte sie damals noch nicht. 2021 finanzierte eine Stiftung die Anfänge ihrer Arbeit. Seitdem hat sie sich um Förderung bemüht, Konzepte in Umlauf gebracht, Netzwerke gesponnen. „Ich habe keine Angst vor Anträgen.“ Im Studium am Wuppertaler Johanneum war sie einer Mentorin begegnet, „die es verstand, eigenes Geld für ihre Arbeit zu beantragen. Das hat mich beeindruckt und mir klar gemacht: Wenn man sein eigenes Geld hat, ist man beweglich.“ Eine Kirche, die unternehmerisch denkt – so denkt auch Rebecca Kehrberger.
Unterwegs als aufsuchende Kirche
Apropos Unternehmen Kirche: Die kleine Franklin-Kirche gehört aktuell der Stadt, die das Gebäude und seine Verwaltung gerne in den Händen der evangelischen Landeskirche sähe. Deren Strategieprozess „ekiba2032“ setzt indes auf die Transformation kirchlicher Liegenschaften. Der CVJM „wäre in der Lage, die Verwaltung zu machen“, kann sich Rebecca Kehrberger vorstellen, „nicht aber den Unterhalt der Immobilie zu schultern“. Vorläufig bleibt Kirche auf Franklin aufsuchend unterwegs. „Kein Raum, keine Erwartung daran. Kirche ist nicht Ausdruck des Ortes, sondern dieser Ort ist Ausdruck von Kirche.“
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Fotos: Tanja Kasischke
Ein Beitrag von
Dr. phil. Tanja Kasischke war Redakteurin des Reformationsblogs „Mensch, Martin!“. Seitdem berichtet sie über Themen der missionarischen Gemeindeentwicklung, der Öffentlichen Theologie und wie Kirche den Wechsel von der sprachlosen Parochie zum ansprechenden Netzwerk meistert. Sehr begeistert ist sie von der Wiederentdeckung des prophetischen Amts als Teil der apostolischen Dienstgemeinschaft. Sie lebt in Berlin.

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