Gott im Gasometer

Gott im Gasometer

VON Rüdiger Jope

Veröffentlicht am: 16. Oktober 20263,1 min Lesezeit557 WörterKategorien: Alle, Unterwegs, WanderroutenSchlagwörter: , , , , , , , , Aufrufe: 38

Ein Pfarrer, 15 Besucher, Kopfhörer auf den Ohren – und mittendrin: die Frage nach Gott. In der Ausstellung „Mythos Wald“ im Oberhausener Gasometer führt Ralf Kasper seine Gruppe durch Bilder, Bibelworte und Lebensfragen. Ein Reportage-Spaziergang zwischen Staunen, Stille und Hoffnung.

Apostelgeschichte. Areopag. Stimmengewirr. Paulus, mittendrin, mit der Botschaft von Gottes Liebe. 2000 Jahre später: Oberhausen. Das 117 Meter hohe Gasometer, die „Kathedrale des Ruhrgebiets“. Hunderte Besucher in der Ausstellung „Mythos Wald“. Und Pfarrer Ralf Kasper, strahlend, gestikulierend, Mikrofon in der Hand. Um ihn 15 Menschen mit Kopfhörern.

Kirche an einem säkularen Ort

„Könnt ihr mich gut verstehen?“ 15 Daumen nach oben. Kasper strahlt, wenn er von der Anfrage des Managements erzählt: „Könnt ihr uns als Kirche nicht ein biblisches Angebot machen?“ Er und sein katholischer Kollege sagten zu. Über 100 Führungen bei „Planet Ozean“, über 60 Gruppen bislang durch „forest meets bible“.

Dort, wo einst Gas für die Eisenindustrie komprimiert wurde, hängen heute großformatige, ausgeleuchtete Bilder: eine verborgene Wunderwelt aus Bärtierchen, Ameisen, Schleimpilzen. Acht Motive nutzt Kasper, um Gottes Botschaft zu erzählen. Eine Tanne im Wald, von Finsternis umgeben – und doch im Licht. „Ein Bild für unser Leben, für die Weltlage. Und mittendrin: Weihnachten. Ein Baum. Eine Hoffnung.“ Jesaja 9,1 klingt nach: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht.“

„Und Kirche? Sorgt hier dafür, dass der Himmel an einem völlig säkularen Ort bei den Menschen andockt.“

Einige Schritte weiter: eine Quelle, ein Bach, Grün rundum. Psalm 1: „Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen …“ Stille mitten im Lärm. Dann der Hinweis auf Totholz, aus dem mit Pilzen und Moos Neues wächst. „Wenn Sie Sorgen haben, um Menschen, Kinder und Enkel – es kann doch noch etwas Neues entstehen. Gott kann Neues schaffen.“

Sein Lieblingsbild: eine Rotbuche mit weit ausladenden Wurzeln. „Was gibt meinem Leben Halt? Worin bin ich verwurzelt in den Lebensstürmen?“ Kasper lädt ein, sich in Christus verwurzeln zu lassen (Kolosser 2,7). Aber auch: Die Buche lebt in Symbiose mit Pilzen, die ihr Wasser und Mineralien liefern. Ein Bild für die tragfähigen Beziehungen, von denen wir leben und die wir – wenn es gut geht – besonders in der Gemeinde finden. Wir hören: „Dient einander“ (Philipper 2,4) und sind schwupp bei Dietrich Bonhoeffer: „Der Christus im eigenen Herzen ist schwächer als der Christus im Worte des Bruders … sie begegnen einander als Bringer der Heilsbotschaft.“

Mit einer Ausstellung bei Gott andocken

Eine Etage höher: eine Gorilla-Mutter mit zwei Babys auf dem Bauch. „Gott hat auch mütterliche Eigenschaften, denn er will uns trösten, wie uns eine Mutter tröstet“ (Jesaja 66,13). Direkt gegenüber: eine Gorillamutter mit totem Baby im Arm. Wochenlang trug sie den Leichnam mit sich. „Trauer braucht Zeit, braucht Rituale, braucht eine Hoffnung,“ sagt der Pfarrer.

60 Minuten später. Applaus. Ralf Kasper sammelt die Audioguides ein. Die Gruppe steigt hinauf zur größten Innenraum-Lichtkunstinstallation der Welt: 35 Meter hoch ragt die optische Baumkrone in den Himmel über dem Gasometer. Und Kirche? Sorgt hier dafür, dass der Himmel an einem völlig säkularen Ort bei den Menschen andockt. Wie auf dem Areopag.

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