Der Heilige Geist ist bereit, zu landen

Der Heilige Geist ist bereit, zu landen

VON Tanja Kasischke

Veröffentlicht am: 22. Oktober 202611,4 min Lesezeit2239 WörterKategorien: Alle, GefährtInnen, UnterwegsSchlagwörter: , , , , , , , , , , Aufrufe: 5

Ein Pastor klinkt sich aus. Drei Monate und 5500 Kilometer später ist er zurück, nicht vom Pilgern auf dem Jakobsweg, sondern vom Reisen durch Erprobungsräume.

Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers bietet Pfarrpersonen nach mindestens sieben Dienstjahren Gelegenheit zu einer dreimonatigen Studienzeit. Pastor Thomas Steinke, Referent im „Team Spiritualität“ der Evangelischen Agentur der EVLKA, hat diese kreative Pause genutzt. Wo er den Heiligen Geist im Landeanflug erlebt hat und wo Kirche Boden dafür gut machen sollte, verrät er im Gespräch.

Thomas, Deine Studienzeit liegt genau ein Jahr zurück. Knüpft die Kirchenleitung an das Angebot Erwartungen wie die einer Forschungsleistung?

Wir bekommen großen Freiraum von unserer Kirchenleitung. Die Studienzeit kann zur persönlichen Bilanz, zur beruflichen (Neu-)Orientierung, zur Rekreation, als spirituelle Auszeit, als Studiensemester an einer theologischen Fakultät oder zum Bearbeiten einer bestimmten Forschungsfrage genutzt werden – und das weltweit. Die Kosten dafür muss jede*r selbst tragen, das Gehalt gibt es aber weiter. Am Ende stehen ein Kurzbericht und ein gemeinsamer Austausch der Kirchenleitung mit allen, die im betreffenden Jahr eine solche Studienzeit in Anspruch genommen haben. Dieses gegenseitige Wahrnehmen der verschiedenen Erfahrungen und „Lernerfolge“ habe ich als sehr wertvoll empfunden.

Was waren Deine Erwartungen?

Ich selbst wollte zwei Dinge besonders in den Blick nehmen, die für meine Arbeit bedeutsam sind. Zum einen wollte ich den Zusammenhang von Kirchenbildern und Kirchenentwicklung theologisch vertiefen und bündeln – und möglichst anderen zugänglich machen. Zum anderen wollte ich einer Forschungsfrage nachgehen: Wie kann – angesichts der aktuellen kirchlichen Situation – mit weniger Hauptamtlichen (oder ohne sie) ein vitales Gemeindeleben gestaltet werden? Dazu habe ich 15 Praxisbeispiele besucht und ca. 50 qualitative Interviews mit Beruflichen und Ehrenamtlichen sowie leitenden Personen auf verschiedenen Ebenen geführt.

„Wie kann – angesichts der aktuellen kirchlichen Situation – mit weniger Hauptamtlichen (oder ohne sie) ein vitales Gemeindeleben gestaltet werden?“

Wie viele Kilometer hast Du zurückgelegt und wie?

Durch Studienbesuche in den Niederlanden und in London und Oxford waren es wohl etwas über 5.500 km. Meistens bin ich Bahn gefahren.

Du verwendest in Deinem Resümee das Modell des Goldenen Kreises von Simon Sinek. Dessen Ansatz ist, nicht von außen nach innen zu kommunizieren, sondern von innen nach außen und dabei mit der Vision anzufangen: Warum?

Den Golden Circle verwenden ich und unser Team schon länger als methodisches Element, um in konkreten Beratungen weiter und in die Tiefe zu kommen. Wenn du Kirche zuerst in den Blick nimmst, dann stehen immer erst mal Angebote und Funktionen im Fokus, also das „What“. In Zeiten, in denen dies in der Krise ist oder wir neue Entscheidungen treffen müssen, brauchen wir den Blick in die Tiefe: Auf die Haltungen und Werte, mit denen wir unterwegs sind, also das „How“. Und schließlich – eine Art der eigenen Versicherung – den Blick auf unser Wozu und wie sich der tiefste Kern beschreiben lässt. „Start with Why!“ Das passt. Wahrscheinlich ist die Kommunikation von Kirche so schwer, weil wir so lange davon ausgegangen sind, dass der Kern doch ganz klar ist, für alle offensichtlich und einleuchtend. Die Zeiten sind längst vorbei.

Du schreibst sehr treffend von einer strukturellen Gefangenschaft der Kirche. Ist die Pfarrzentriertheit nicht ein hausgemachtes Problem, das Gemeinden verwöhnt?

Hier bedingen sich beide Seiten gegenseitig: Als Pfarrer*in bin ich zum einen für bestimmte Aufgabenfelder ausgebildet worden: Verkündigung, Gottesdienste, Kasualien, Seelsorge, kirchlicher Unterricht, Gemeindeleitung; damit übernehme ich in der Kirchengemeinde entsprechende Rollen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass zum anderen die Erwartungen von Seiten der Gemeinden genau in diese Richtung gehen, dass Pfarrpersonen für bestimmte Aufgaben in einem festgelegten Gebiet „zuständig“ sind. Dieses „Parochialprinzip“ ist über Jahrhunderte prägend und bei kirchlich Hochverbundenen tief verinnerlicht.

Das Parochialprinzip bröckelt jetzt aber mehr und mehr …

Richtig! Das erfordert von beiden Seiten ein Umdenken und Umlernen: Ehrenamtliche müssen befähigt und bevollmächtigt werden. Es kann nicht darum gehen, die Lücken in der kirchlichen Versorgung zu schließen, die dadurch entstehen, dass wir weniger Berufliche haben. Es geht praktisch um eine Umsetzung des Allgemeinen Priestertums: Menschen erkennen ihre Würde vor Gott, lassen sich entsprechend ihrer Gaben von ihm rufen und folgen dabei ihrem Herzen. Und für die Beruflichen in Kirche, besonders die Pfarrpersonen, bedeutet es, ihre Rollen ganz neu zu bestimmen: Charismen von Menschen entdecken, Ehrenamtliche fördern, ausbilden, theologisch begleiten und mit anderen vernetzen. Veränderung von Gemeinde zulassen und fördern. Berufliche sind also immer weniger selbst Ausführende vor Ort, dafür aber immer mehr Coaches und Begleiter*innen von Ehrenamtlichen.

„Ehrenamtliche müssen befähigt und bevollmächtigt werden. Es kann nicht darum gehen, die Lücken in der kirchlichen Versorgung zu schließen, die dadurch entstehen, dass wir weniger Berufliche haben.“

Dem entgegen steht eine Kirche, die Mühe hat, Selbstbezogenheit abzulegen. Warum hat die Kirche in Deutschland die vergangenen 30 Jahre nicht so intensiv für Veränderungen genutzt wie in die in Großbritannien oder den Niederlanden?

Das ist eine spannende Frage. Ohne dass es eine einfache Antwort darauf gibt. Ein wichtiger Grund ist sicher: Im Westen unseres Landes konnten wir uns bis jetzt auf ein strukturell stabiles System verlassen. Der Druck der Umstände war nicht groß genug für radikalere Veränderungen – trotz aller Reformprozesse, die eher Modernisierungscharakter innerhalb des Systems hatten. Um es mit den Worten eines ehemaligen anglikanischen Bischofs zu sagen:
„Gott hat in der Vergangenheit versucht, auf vielerlei Weise zu uns zu sprechen – erfolglos. Verstanden haben wir ihn, als er in der Sprache der Finanzen zu uns geredet hat.“

Es scheint aktuell in unseren Kirchen in Deutschland ein Aufhorchen zu geben, weil nun auch unsere Ressourcen massiv und substanziell zurückgehen?

Ja, denn Systeme wollen sich immer zuerst selbst erhalten, das ist normal. In England und in den Niederlanden ist der äußere Druck schon länger erheblich höher als bei uns. Mittlerweile gibt es in vielen Landeskirchen „Innovationsprogramme“, die sehr unterschiedlich in ihren Ansätzen und Ressourcen sind. Die zur Verfügung stehenden Mittel sind fast immer zu gering, würde ich sagen. Evaluationen der unterschiedlichen Erprobungen zeigen deutlich, dass es vor allem zwei Gelingensfaktoren gibt: Einen ausgeprägten Kontextbezug und eine gelebte Spiritualität. Es handelt sich um Graswurzelbewegungen, die nicht einfach ins Leben gerufen werden können – sie sind insofern unverfügbar. Kirchenleitungen müssen sich also einerseits ihre Steuerungsfantasien abschminken. Andererseits kommt ihnen eine wesentliche Rolle zu, indem sie nämlich einen weiten Ermöglichungsrahmen schaffen und eine Kultur des Erprobens fördern können – oder eben erschweren, indem Erprobung in eine „Spielecke“ abgedrängt wird, die wir uns halt mal leisten, um Unruhige zu beschäftigen. In Gremien und kirchlichen Entscheidungswegen kommen die Erprobungen nicht vor, weil diese – von wenigen Ausnahmen abgesehen – auf dem parochialen Entsendungsprinzip beruhen und eben nur diese kirchliche Organisationsform abbilden.

„Kirchenleitungen müssen sich also einerseits ihre Steuerungsfantasien abschminken. Andererseits kommt ihnen eine wesentliche Rolle zu, indem sie nämlich einen weiten Ermöglichungsrahmen schaffen und eine Kultur des Erprobens fördern können – oder eben erschweren, indem Erprobung in eine „Spielecke“ abgedrängt wird, die wir uns halt mal leisten, um Unruhige zu beschäftigen“

Welche Strategien kirchlicher Selbsterhaltung sind Dir begegnet?

Auf veränderte Verhältnisse folgt die reflexartige Reaktion des Systems, in unserem Fall also von Kirche, die bestehende Organisationsform maximal so weit anzupassen, dass sie weiterbestehen oder „überleben“ kann. Vor grundlegenden Veränderungen, also echten Transformationen schreckt man zurück: „Was sich so lange bewährt hat, kann doch nicht falsch gewesen sein.“ Oder: „Wer trägt denn die Kirche? Das sind doch die Engagierten vor Ort. Wenn wir jetzt auch noch die Letzten von ihnen vergraulen, kann es doch passieren, dass dann niemand mehr die nötige Arbeit macht oder zu uns kommt.“ Es gibt weitere Varianten der kirchlichen Selbstbezogenheit: Der Druck und die Dynamik der strukturellen Anpassungen sind so hoch, dass alle Kapazitäten und alle Energie der haupt- wie ehrenamtlich Engagierten von der Bearbeitung dieser Aufgaben aufgesogen werden. Sie sitzen fest in der Strukturfalle und kommen aus dem Hamsterrad nicht heraus.

Wie könnte ein neuer Weg aussehen?

Es braucht ein bewusstes Innehalten und Heraustreten, ein sich Hineinbegeben in den inneren Kreis des Golden Circle, in dem Verantwortliche sich neu mit ihrer spirituellen Quelle verbinden und das WHY von Kirche ins Zentrum rücken. Damit dieser Raum entsteht – und es nicht heißt: „Wir haben jetzt Dringlicheres zu tun!“ oder: „Wann sollen wir das denn auch noch machen?!“, muss das Aufhören gelernt werden. Neben die Innovation muss die Exnovation treten und eingeübt werden. Als dritten Aspekt möchte ich eine gewisse Gewöhnung nennen. Trotz negativer Trends und hoher Mitgliederverluste seit Jahrzehnten ging es uns in unseren Kirchen doch immer noch gut. Und so sind manche der Meinung: „Wir schrumpfen uns gesund auf den Kern an Menschen, die mit dieser Kirche etwas anfangen können.“ Kirche wird also hier unabhängig von Resonanz und Relevanz für andere gedacht. Irritierend. Sollten wir nicht das Evangelium fröhlich aller Welt verkündigen und Licht und Salzkraft im eigenen Kontext sein? Deshalb ist mir eins ganz wichtig: Der einzelne Mensch kann sich nicht selbst befreien, es ist Gottes Tat. Das gilt auch für eine selbstbezogene Kirche, die in der Strukturfalle festsitzt. Dass sie ihre Berufung neu entdeckt und diese in ihr wirksam wird, ist ein geistliches Geschehen und für uns nicht machbar. Wohl aber können wir Räume dafür öffnen oder, wie es Georg Plank ausgedrückt hat, „dem Heiligen Geist einen Landeplatz bereiten“. Daran arbeiten wir in unserem Team. Als Beispiel nenne ich mal unser TeamUnser, das nach der geistlichen Durchdringung von Entscheidungsprozessen fragt und dazu anleiten möchte, dem mehr Raum zu geben.

Wie gehen die von Dir besuchten Gemeinden damit um, wenn eine Struktur oder ein Vorhaben scheitern? Wie hält es die Leitungsebene mit der Fehlerkultur?

Mir ist häufig die Grundhaltung begegnet, die bei komplexen und unübersichtlichen Verhältnissen hilfreich und angemessen ist: „Es wird sich auf dem Weg zeigen, was funktioniert und was nicht. Wir können es im Vorhinein nicht wissen.“ Scheitern ist ein Lerngewinn: „So sind wir nicht zum Ziel gelangt, also müssen wir etwas Anderes probieren.“ Für eine hohe Frustrationstoleranz bzw. eine bleibende Motivation scheint mir wichtig zu sein, dass die „Schuld“ oder „Fehler“ nicht einseitig bei sich selbst oder bei anderen gesucht werden. Angemessener ist die Frage, wie man konstruktiv mit Widerständen umgehen kann: Was könnte dahinterstecken? Welche Interessen, Ängste oder Werte? Und was davon ist berechtigt, was verhandelbar? Was können wir selbst verändern und was heißt das für unser Weitergehen? Hilfreich wird das Leitungshandeln erlebt, wenn es diese grundsätzliche Haltung des Erprobens und Lernens fördert. Und wenn es die Brille solcher Soft-Skills auf die gesamte Arbeit legt, so dass sich die Sicht durchsetzt: „Alles, was wir tun, ist vorläufig…“ Und schließlich gehört zur geistlichen Leitung dazu, ein achtsames Hören in alle Richtungen anzuregen. Das beinhaltet auch die Frage: „Welcher Ruf Gottes könnte hinter Entwicklungen stehen, die wir nicht gesucht haben oder die unsere Pläne durchkreuzen?“

Welche Rolle spielt Theologie in der Haltung der von Dir besuchten Praxisbeispiele?

Theologie spielt bei innovativen Ansätzen und Initiativen eine wichtige Rolle, zum einen wegen der Vergewisserung des eigenen WHY, zum anderen wohl auch wegen des Rechtfertigungsdrucks, unter dem sie innerkirchlich häufig stehen. Mir sind auf der Reise sehr bewusste und hochreflektierte Theologien des Allgemeinen Priestertums begegnet. Vor allem habe ich Empowerment zu „gelebter Theologie“ wahrgenommen: Menschen, die ihre Alltagserfahrungen selbst theologisch deuten und dies auch vor anderen äußern. Außerdem war für mich vielerorts eine gelebte Spiritualität spürbar, die sich etwa in einem grundlegenden Gottvertrauen und der Bereitschaft zu hören äußert.

Welches war der Moment (oder die Momente), in dem/denen Du im Unterwegs sein besonders viel Geistkraft gespürt hast?

Es gab viele solcher Momente. Ich greife mal zwei raus: In der Region Torgau (EKM) strahlt das Pfarrteam durch das eigene Rollenverständnis und die Teamkultur auf die Gemeinden aus, so dass ein Vertrauen in die Selbstwirksamkeit der Ortsgemeinden wächst. Ein Beispiel, das eine Pfarrerin erzählte: Als ein Küster starb, „haben wir diese Lücke offengelassen – und nach einem halben Jahr habe ich zehn Frauen eingesegnet“. Die Verantwortung wurde nicht verwaltet, sondern spirituell gedeutet: Die Ehrenamtlichen erhalten Gebete und kleine Symbolhandlungen, damit ihre Tätigkeit als geistliches Amt erfahrbar wird. Das Kleiklooster in Bijlmer/ Amsterdam ist eine beeindruckende Form gelebter Nachfolge. In einem sozial stark belasteten Stadtteil leben mehrere Haushalte bewusst gemeinschaftlich zusammen – mit Gebetszeiten, gemeinsamem Essen und offener Gastfreundschaft für Bedürftige, Wohnungslose und Geflüchtete. Als ich auf dem Balkon dieses „Klosters“ stand, das sich mitten in einem riesigen Häuserblock mit 500 Apartments befindet, war ich erfüllt von dem Eindruck: Was für ein Lebenszeugnis! Was für ein Segen! Was für einen Unterschied macht diese kleine Gruppe!

Fotos: pexels und fmd-online

Ein Beitrag von

Artikel teilen

Die gute Seilschaft: hak’ Dich ein!

Dir gefällt BASECAMP?
Dann werde Teil unserer Community!

3E ist Basecamp zum Anfassen

Du hättest eines der Dossiers gerne im Printformat, du willst einen Stoß Magazine zum Auslegen in der Kirche oder zum Gespräch mit dem Kirchenvorstand? Dann bestell dir die entsprechenden Exemplare zum günstigen Mengenpreis!